Durch Jahrtausende wandern

Für das „Similaun“-Magazin des TV Schnalstal sind Ivo und ich in die Gletscherwelt des Hochjochferners eingetaucht. Wie wir die eigenen Grenzen überwunden haben und dafür mit einem Erlebnis absoluter Einzigartigkeit belohnt wurden, können Sie hier nachlesen und -empfinden!

#SarahStories

Ein wenig Ungewissheit, ein kleines bisschen Angst, eine große Portion Freude und vor allem ein Mords-Respekt sind die Gefühle, mit denen ich an diesem Morgen in den Tag starte. Für mich geht es heute nämlich – und tatsächlich hätte ich mir nie gedacht, dass ich das einmal sagen werde – ab ins ewige Eis! Und obwohl zu Beginn des Tages aufgrund der Wetterverhältnisse noch gar nicht sicher war, ob wir die geplante Wanderung zur Gletscherhöhle überhaupt machen können, warten wir – wir, das sind mein Fotograf Ivo, Andrea Nischler vom Tourismusverein Schnalstal, Bergführer Jörg und ich –  auf das OK der Sesselliftbetreiber der Schnalstaler Gletscherbahn. „Wenn der Wind nicht nachlässt, wird das heute nichts mehr! Dann müssen wir die Wanderung verschieben“, überlegt Andrea. Aber dann scheint es doch zu klappen und so sitzen wir mittags im noch ganz schön taumelnden Sessellift, der uns nach unten zur Skipiste bringt. Taumelnd ist eigentlich untertrieben, denn der Wind weht uns dermaßen um die Ohren, dass ich es trotz Sonnenbrille nicht einmal schaffe, die Augen zu öffnen. Wie hoch war die Windstärke bitte noch vor einer Stunde? 

 

 

Unten angekommen ist der Wind aber plötzlich wie „weggeblasen“ und ich hoffe, dass es für die nächsten Stunden so bleibt. Ein kleines Stück gehen wir entlang der Piste. Zum ersten Mal ziehen Ivo und ich uns Ciaspole an, also die Schnee- über die Bergschuhe. Die ersten Schritte durch den Schnee sind ungewohnt, aber die Kulisse, in der wir uns auf einmal befinden, zieht unsere völlige Aufmerksamkeit auf sich und motiviert uns, „neu“ gehen zu lernen und vorwärts zu kommen. Blendend weiße Bergspitzen umarmen uns und schon bald können wir nichts mehr erkennen, außer der weißen Flur. Schnee, überall Schnee. Dort, wo keiner ist, da ist der Himmel.

 

 

Seit 25 Jahren ist Jörg schon Wander- und Bergführer, erzählt er mir. Er ist erstaunt, wie gut und flott sich unser Team im Schnee bewegen kann und schlägt uns zur geplanten Tour noch einen „kleinen“ Abstecher vor – zum Gletscherbruch, der rechts von unserer aktuellen Position aus hoch oben anmutig auf uns zu warten scheint. Klar wollen wir dahin, denn wer weiß, wann wir das nächste Mal die Möglichkeit haben, einem Gletscher so nahe zu kommen. Der steile Aufmarsch ist nicht ohne und mit jedem Schritt merke ich, dass meine Fitness auf über 3.000 Metern Höhe nicht dieselbe ist wie im Tal. Trotzdem ist ein jeder unserer Schritte nach vorne ein klangvolles Erlebnis aus Berg und Schnee – wenn das Knirschen unserer acht Füße zum eingespielten Rhythmus wird. Inmitten der steil aufragenden Felsriesen fühlt man sich wie eine klitzekleine Ameise. Der Körper ist schon lange warm gelaufen und meine Gedanken auch. Während uns Jörg darüber informiert, wo wir uns befinden und uns anweist, hinter ihm zu gehen, frage ich als völliger Gletscher-Laie nach Lawinen, Gletscherspalten und anderen großen Herausforderungen. „Ich kenne die Routen und die Berge hier in- und auswendig“, sagt Jörg laut, damit wir ihn alle hören können, „und nach meinen Sommertouren weiß ich im Winter ganz genau Bescheid, wo auf Gletscherspalten zu achten ist. Wir gehen hier eher an der Seite entlang – weiter rechts wäre es zu gefährlich.“ In eine Gletscherspalte zu fallen steht bestimmt nicht auf unserem Programm. Der Gedanke daran, dass wir später in eine enge Höhle klettern werden, reicht mir völlig für mein erstes Gletscher-Abenteuer.

 

 

Zwischen Gefahren und malerischer Idylle

 

„Die Lawinengefahr ist in diesem Winter nicht so hoch. Selbst wenn ich heute eine kleine Lawine auslösen wollte, würde das wahrscheinlich nicht klappen“, lacht er. So wenig ich über die Natur hier oben Bescheid weiß, so sprichwörtlich bewandert ist Jörg. Sein Wissen geht in die Tiefe, seine Erfahrungen sind reich und ein jeder seiner Schritte sitzt. Das ist unglaublich beruhigend und so mache ich mir absolut keine Sorgen darüber, dass irgendetwas passieren könnte. „Ihr macht das gut, wir sind in einem guten Tempo unterwegs“, motiviert uns unser bestens gelaunter Bergführer. „Aber gebt ruhig Bescheid, wenn es euch zu anstrengend wird, das kann hier oben nämlich ganz schnell gehen!“ Er erzählt mir, dass es für ihn als Bergführer die größte Herausforderung ist, seine Wandergruppe zu Beginn der Tour einzuschätzen, aber meist sieht er „schon nach den ersten 10 Minuten, was ich den Leuten zutrauen kann und was nicht.“ Uns jedenfalls hat er den anspruchsvollen Aufstieg zum Gletscherbruch zugemutet und was wir uns vermutlich selbst nicht zugetraut hätten, schaffen wir tatsächlich: vor uns ein waschechter Gletscher, ein Urgroßvater dieser einzigartigen Landschaft, hellblau-weiß, wie in meiner Vorstellung aus- und als Kind auf meinen Zeichnungen hingemalt. Wir genießen dieses Naturspektakel ein paar Minuten lang, die absolute Stille, in der wir uns befinden und das Gefühl, winzig zu sein auf dieser Welt. Und Fotos müssen natürlich auch sein. Dann heißt es: ab zur Gletscherhöhle! 

 

 

Der Weg zurück nach unten ist schnell geschafft – auch wenn ich mir für einen Augenblick wünsche, ich könnte Skifahren. „Flott gehen und gleiten lassen!“, weist Jörg uns an – das „Gleitenlassen“ artet bei mir zwei drei Mal in einem kleinen, schmerzlosen Sturz auf den Po aus. 

Zwischendurch immer wieder ein heftiger Windstoß. Dann Nebel und getrübte Sicht. Kälte. Erneut Wind. Blauer Himmel. Traumkulisse. Sonne. Klare Sicht. Noch nie habe ich es erlebt, dass die Wetterbedingungen innerhalb weniger Minuten, ja teils Sekunden, so rasch wechseln.

„Seht ihr die Stange dort unten? Das ist die Höhle!“, ruft Jörg und wir anderen drei – untereinander Blicke austauschend – fragen uns, wo genau da eine Höhle sein soll. Alles, was wir sehen ist … Schnee. „Ich muss erst schauen, ob sie freizuschaufeln geht“, meint Jörg, „ihr könnt inzwischen eine kleine Rast machen und euch stärken.“ Gesagt, getan. Während wir uns unserer Schneeschuhe entledigen und den Proviant verputzen, verschwindet unser Bergführer mal eben in einem winzig kleinen Loch in der Schneedecke. Wir warten und noch bin ich mir absolut nicht sicher, ob ich meine Angst überwinden werde. Plötzlich Jörgs Stimme: „Alles klar, die Höhle ist frei, ihr könnt kommen!“

 

 

 

Abtauchen

 

Das kleine schwarze Loch, das mehrere Meter tief nach unten führt, ist meine ganz persönliche Mutprobe – denn Enge und Dunkelheit sind zwei Dinge, die ich, vor allem in dieser Kombination, eher beängstigend finde. „Ihr rutscht mit dem Po nach unten, könnt durch die erste kleine Höhle durchkrabbeln, müsst nochmal durch einen engen Spalt durchrutschen und dann seid ihr schon da, in der großen Höhle.“ 

 

 

Ivo ist mutig und rutscht mit Jörg als erster hinein. „Machst du es?“, frage ich Andrea, die mir keine Antwort darauf geben kann. Wir starren beide zum Loch. Der Gletscher verschluckt die Stimmen unserer männlichen Begleiter und es ist auf einmal mucksmäuschenstill. Nach ein paar Minuten lugt Jörgs Kopf aus der Höhle: „Ivo sagt, du schaffst das. Komm, hock dich einfach mal zum Eingang und dann entscheidest du.“ Ich gehorche, setze mich ans Loch, stülpe mir meine Kapuze über den Kopf und dann, ja dann, rutsche ich einfach. Hinunter ins Dunkel. Hinunter in die Tiefe des Gletschers und lasse mich verschlucken. Ich gleite durch den engen Tunnel in den Gletscher hinein, krabble durch eine erste dunkle Mini-Höhle, folge Jörgs Licht, lege mich auf den Bauch und robbe – ohne darüber nachzudenken, was ich da gerade tue – durch die extrem schmale Öffnung. Dann sehe ich zwei Lichtstrahle, die mich erleichtert erkennen lassen, dass ich es zu Ivo und Jörg in die Gletscherhöhle geschafft habe! Um mich herum glitzert es wie in einem Eispalast – Eiszapfen und Eiskristalle funkeln im Schein unserer Taschenlampen und im Blitzlicht der Kamera über und neben mir um die Wette. Wow. Mit meinen Händen die Innenwände des Gletschers zu berühren und die Zerbrechlichkeit seiner Eiskristalle zu spüren ist ein Erlebnis, das ich nie mehr vergessen werde. Und meine Angst scheint in diesem Augenblick wie … ja, eingefroren zu sein. Das Gefühl, sich einige Meter unter der gigantischen Eis- und Schneedecke zu befinden, ist seltsam aufregend. Auch Andrea wagt sich schließlich in die Höhle. Die Freude und Faszination ist bei allen Beteiligten groß. 

 

 

Wer hineinkriecht, muss auch irgendwie wieder hinauskommen – aber das klappt mit etwas Mühe auch noch! Wieder den engen Weg zurückgekrochen, nach oben gerobbt und an der Oberfläche aufgetaucht, wirkt das unendliche Weiß noch intensiver als vorher. Wir schnallen uns unsere Ciaspole wieder um und machen uns, überwältigt und glücklich, auf den Weg zurück zum Sessellift. Jörg erzählt uns auf dem Rückweg von dem zugefrorenen und zugeschneiten See, über den wir gerade wandern und dass die Landschaft um uns herum auch in diesem Jahr wieder ganz anders aussieht – Gletscher ziehen sich an gewissen Stellen zurück und Gesteinsbrocken gehen immer wieder mal ab. „Das Bild des Hochjochferners verändert sich von Jahr zu Jahr, auch unsere Höhle wird in ein paar Wochen nicht mehr da sein”, sagt Jörg, während wir durch ein Riesenstück Geschichte, durch Jahrtausende wandern – und obwohl es für uns jetzt nur noch geradeaus Richtung Grawand geht, bin ich so langsam richtig erschöpft. Die Aufregung und der Aufenthalt auf über 3.000 Metern Höhe machen sich in meinem Körper seit unserer Ankunft zum ersten Mal so richtig bemerkbar. Aber das macht nichts. Denn ich bin dort, mitten im weißen Nirgendwo, zwischen hellblau-weißen Urgroßvätern und genau in dieser Minute, wohl die zufriedenste unbedeutende Ameise auf der ganzen Welt. 

 

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