skip to Main Content
+39 0471 095 237
WARUM DATENSCHUTZ ÜBERBEWERTET WIRD

WARUM DATENSCHUTZ ÜBERBEWERTET WIRD

Ein Daten-Skandal jagt den nächsten: die NSA weiß sowieso alles, BND und Google mischen auch irgendwie mit und Facebook ist mittendrin. Generell ist überhaupt alles ganz, ganz schlimm und alle Daten sollten verschlüsselt werden und geschützt, am Besten werden überhaupt keine Daten erhoben, damit es keinen gläsernen Mensch gibt und man kann sich sowieso nicht ausmalen, was damit alles passieren kann … so liest man es aktuell in Zeitungen, Magazinen und Kolumnen landauf, landab.

Den Medien zufolge könnte man glatt den Eindruck gewinnen, wir würden überall und immer ausgespäht, abgehört, in Profile eingeteilt, analysiert, bewertet und ausgekundschaftet. Nur wenige wissen dabei Genaueres: um welche Daten es genau geht, was mit diesen Daten passiert und was „ausgespäht“ überhaupt bedeutet. Verstehen Sie mich nicht falsch: in zahlreichen Bereichen ist Datenschutz sinnvoll und wichtig – z.B. in Zahlungsdatenbanken von Onlinehändlern, oder bei Banken. Hier wünsche auch ich mir die bestmögliche Verschlüsselung meiner Daten und die höchsten Sicherheitsstufen. Die NSA-Abhörskandale haben viele Leute aufgerüttelt – verständlich, denn ein Eingriff in die digitale Privatsphäre ist verstörend und macht Angst. Aber auch nur dann, wenn man denkt, das Internet und die sozialen Medien WÄREN eine Privatsphäre. Sie sind es NICHT und sie waren es auch nie!

Anlässlich der neuen Nutzungsrichtlinien von Facebook, die sogar einen hiesigen Radiosender bewogen haben, dazu in einer Sendung Stellung zu nehmen, möchte auch ich mich diesem Thema annähern und meine ganz persönliche Meinung dazu niederschreiben, wie ich sie in Jahren der Internetnutzung ausgebildet habe und täglich durch meine Arbeit als Webmarketing-Fachmann bestätigt sehe. Ich würde mich über Ihre Stellungnahme freuen.

 

MEDIENKOMPETENZ!

Wenn ich mich auf meinen Balkon über dem Marktplatz stelle und meinem Freund etwas zurufe, dann werden auch andere Menschen das hören. Genau so ist das im Internet auch. Habe ich das im Hinterkopf und gibt es keine andere Möglichkeit der Informationsübermittlung, dann kommt es also nicht mehr darauf an, WER mit meinen Daten etwas anfängt, sondern WAS das für Daten sind. Die Pin Nummer sollte man also nicht herunter rufen, dass man in 5 Minuten ins Restaurant rüber kommt vermutlich schon.

99% aller übermittelten Daten sind in meinen Augen grundsätzlich banal und ungefährlich. Nun gut, ein Einbrecher könnte die Information, dass ich morgen zu meinen Flitterwochen auf die Seychellen aufbreche dazu nutzen a) meine Abwesenheit zu bestimmen und b) aus meinem Reiseziel zu erfahren, dass sich ein Einbruch lohnen könnte. Doch dann sollte ich nicht dem Boten die Schuld geben, wenn die Nachricht abgefangen wird, sondern mir vielleicht überlegen, ob ich diese Nachricht so überhaupt abschicke. „Ich bin dann mal weg“ ist immer noch ok, gibt aber nicht unbedingt die o.g. Informationen an Außenstehende weiter. Auch private bzw. berufliche Geheimnisse gehören nicht ins Internet und auf soziale Netzwerke schon gar nicht. Digitale Inhalte werden niemals vergessen und sind in ihrer Verbreitung nicht kontrollierbar, wenn sie einmal eingestellt sind. Hunderte von Prominenten können nicht erst seit dem letzten Nacktbild-Skandal davon ein Liedchen singen.

In meinem Medienwissenschafts-Studium hörte ich einmal die Aussage: „ Wenn Sie einen digitalen Inhalt erstellen, malen Sie sich aus, dieser Inhalt wäre die Schlagzeile der Bild-Zeitung – wenn Sie mit den Achseln zucken und denken ‚Na und?‘ dann ist es geeignet.“

Damit will ich sagen: rufen Sie nicht nach mehr Datenschutz, sorgen Sie selbst dafür, denn nur wer Sensibles und Privates von sich überhaupt Preis gibt muss damit rechnen, dass es in falsche Hände gelangt und Schaden anrichtet. Es hat einen Grund, warum der russische Geheimdienst FSO wieder Schreibmaschinen angeschafft hat.

 

DATENSCHUTZ FÖRDERT SPAM

Zurück zum Datenschutz. Jeder von uns stellt heutzutage so gut wie alles ins Netz und möchte, dass nur er selbst und vielleicht einige Auserwählte darauf Zugriff haben. Bilder vom Urlaub, von der Party, vom Wandern, den Kindern, dem Hund, dem Essen…doch was passiert denn, wenn plötzlich all diese Daten faktisch unzugänglich gemacht würden? Es gäbe wieder mehr SPAM. Machen wir uns nichts vor: Werbung wird es immer geben. Und sie ist lästig. Die aktuellen Trends gehen aber in die richtige Richtung: die Werbung wird zielgenauer und besser auf die Bedürfnisse der Menschen zugeschnitten. Das ist eine gute Entwicklung, denn Werbung die mich interessiert ist weniger nervig. Dafür braucht es aber Daten und Profile. Und wenn nun diese Daten in immer geringerer Menge zur Verfügung stehen, dann wird das letztlich wieder dazu führen, dass jeder alles kriegt und die Mülltonnen (virtuell und „in echt“) voller denn je werden mit unerwünschter Werbung.

 

FACEBOOK

Vermutlich stellen Sie sich die Frage, was diese doch recht allgemein gehaltenen Sätze mit Facebook zu tun haben? Nun – alles! Denn auch Facebook ist unter der Oberfläche eine gigantische Datenbank mit mehr als 1.000.000.000 Datensätzen und unglaublich viel Informationen und Querverweisen – freiwillig eingegeben von den Benutzern. Um diese Daten in Zukunft effektiver nutzen zu können, aktualisiert Facebook zum 01.01.2015 seine Richtlinien. Da hilft kein „Ich widerspreche“-Bild oder sonst was – wer Facebook nutzt, akzeptiert automatisch.

Nehmen Sie sich die Zeit und lesen Sie sich die neuen Nutzungsbedingungen doch mal durch.

Für die Eiligen habe ich aus der Zusammenfassung von spiegel-online.de die wichtigsten Änderungen heraus gegriffen.

Letztlich geht es vor allem darum, Werbung noch besser zu personalisieren, was ja – siehe oben – nicht unbedingt immer eine schlechte Sache seien muss.

Vernetzung: nicht nur Google weiß, welche Seiten Sie besucht haben (ja gut, hier sollte man dann tatsächlich ein wenig aufpassen, aber früher musste man die Schmuddelblätter auch verstecken – der „Privat“-Modus im Browser hilft übrigens NICHT), in Zukunft wird Facebook die zugestellte Werbung also auch an Hand von Surf-Verhalten und besuchten Websites anpassen. Sie haben gerade nach Wellness-Angeboten in Südtirol gesucht? Zack – schon wird Ihnen ein entsprechendes Hotel präsentiert…

Standortdaten: gab es schon länger, wird nun aber aktueller denn je. Früher hatte Facebook lediglich gespeichert, wo man sich mit seinem Smartphone eingeloggt hatte. Jetzt greift Facebook in Echtzeit aufs Handy-GPS zu und kann so lokale Werbung zustellen. Sie haben gerade nach „schick essen gehen“ gegoogled und sind in Meran Untermais? Facebook zeigt ihnen passende Restaurants in Ihrer Umgebung.

 

WAS KANN ICH TUN?

Ich bin nach wie vor der Ansicht: Datensammlungen sind grundsätzlich nichts, was einem Schaden zufügt. Man profitiert sogar davon, dass man besser angesprochen werden kann. Wer das alles nicht will, der muss auf Suchmaschinen, Internet und Smartphone verzichten. Das alte Nokia Handy hat immerhin noch 1 Woche Standby.

Den anderen, die sich der digitalen Entwicklung nicht gänzlich verschließen möchten, aber dennoch skeptisch sind, bieten eigentlich alle Anbieter die Option, seine Privatsphären-Einstellungen anzupassen, die zumindest regulieren, was im Netz von einem selber öffentlich einzusehen ist.  Aber auch das ist ein zweischneidiges Schwert: auf der einen Seite hat man mehr Sicherheit, wenn man alle Einstellungen auf „Hoch“ setzt, auf der anderen Seite isoliert man sich damit und schränkt die Nutzbarkeit vieler Dienste ein, was am Ende zu einer selbst herbeigeführten Isolation führt, die im direkten Gegensatz zum „connecting people“- Ansatz des Internets und der sozialen Netzwerke steht.

Fazit: Die Menschen sind eben – wie Schopenhauer es formuliert – auch in der digitalen Welt die Stachelschweine (zur Stachelschwein-Parabel) und jeder muss für sich alleine das richtige Verhältnis zwischen der Offenlegung seiner Daten und damit einer potentiellen Nutzung durch Dritte und einer Nicht-Eingabe oder Blockierung seiner Daten und damit einhergehend dem Verzicht auf soziale Interaktion und die Nutzungsmöglichkeit vieler Web-Angebote entscheiden.

Back To Top