skip to Main Content
+39 0471 095 237
Der Geist Auf Der Trostburg

Der Geist auf der Trostburg

Auf der Trostburg bei Waidbruck wohnt ein Geist. Ein guter Geist. Ein Geist als Seele der Burg – und das seit 70 Jahren. Seine Gestalt ist zart und zierlich, dennoch ist er kraftvoll und voller Lebendigkeit. Blitzblaue, muntere und neugierige Augen hat er und wer seinem Blick begegnet, erkennt auch den Schalk darin. Zu festgelegten Zeiten, immer zur vollen Stunde, begleitet er interessierte Burgbesucher durch die Räume und erzählt spannende Geschichten aus vergangen Tagen. Sein Name?
Terese Gröber.

Katzenkopfsteinpflasterweg

Ich entscheide mich, vom Dorfzentrum bei Waidbruck startend, für den kurzen, aber ziemlich steilen Katzenkopfsteinpflaster-Weg. Es ist ein alter Weg, der schon oft begangen und befahren wurde, Fahrrinnen weisen darauf hin. Für die Jahreszeit ist es noch außergewöhnlich herbstlich, der Schnee lässt auf sich warten. Kirsch- und Ahornbäume säumen rot und goldgelb den Weg, Sträucher werfen ihre allerletzten Blätter ab. Hinter mir vernehme ich das Getöse der Brennerautobahn, die sich an Waidbruck vorbei durch das Eisacktal zwängt – vor mir öffnet sich hin und wieder der Wald und gewährt kurz Ausblick auf die steil aufragende Trostburg. Da ich öfters anhalte, um zu fotografieren und dabei die Zeit vollkommen vergesse, komme ich für eine Führung eigentlich zu spät.

Trostburg1

Wollen Sie auch noch mitkommen?

Als ich durch das geöffnete Burgtor spähe, bemerke ich eine kleine Touristengruppe, die sich um eine Frau von zierlicher Gestalt schart. Ihre freundliche Stimme richtet sich an mich: „Wollen Sie auch noch mitkommen?“

Eine bemerkenswerte Frau, ist mein erster Gedanke, als ich ihren Ausführungen zur Geschichte der Trostburg folge. Nicht nur ihres Wissens wegen, sondern aufgrund ihrer Ausstrahlung. Mit angenehmer Stimme, lebendig und anschaulich erzählt Terese, begleitet die Besucher durch die wechselhafte Geschichte der Trostburg, lässt Kopfkino entstehen. Sie bewegt sich durch die Säle, Stuben und Kammern, als wären es ihre privaten Wohnräume, erklärt die Abbildungen der Fresken, und scheint eine persönliche Beziehung zu den auf Ölgemälden dargestellten Persönlichkeiten zu haben. „Das da ist ein ganz Netter“, meint sie und zeigt auf eines der Portraits. Ich habe nicht einen Moment lang das Gefühl, dass sie einem vorgegebenen Text oder einem Programm folgt.

Stubenidylle

Terese Gröber hat hier auf der Trostburg schon Vieles erlebt, denn dieser Ort ist ihr Daheim. Nach der Führung kommen wir ins Gespräch und schon bringt sie mich in ihre Stube, welche gemütlich eingerichtet mit einem alten Kachelofen beheizt wird. „Hier ist es wärmer.“ Alte Fotos, die ihre Familienerinnerungen festhalten, finden sich in einer Nische am Fenster.

Trostburg3

Über dem Tisch hängt eine alte Öllampe, die – dem modernen Standard angepasst – anstelle eines Dochtes mit einer Glühbirne ausgestattet ist. Eine alte Kredenz gewährt Einblick in die nette Sammlung verschiedener alter Tassen und Teller. Der Raum strahlt einfache Wohnlichkeit und Behaglichkeit aus.

Trostburg4

Frau Gröber, sie leben nun schon seit 70 Jahren auf dieser Burg?

Meine Vorfahren waren Bauern, die den Hof, der zur Burg gehört, bewirtschafteten. Der erste Burgbewohner meiner Ahnen war mein Urgroßvater, nachher übernahm mein Großonkel den Hof, bis schließlich meine Eltern die Arbeit auf dem Hof und auf der Burg weiterführten. Zusammen mit ihnen und weiteren 5 Geschwistern wohnte ich hier, in den Räumlichkeiten, in denen wir uns gerade befinden. Ich bin auf der Trostburg aufgewachsen. Die Schule besuchte ich in Waidbruck, den Weg zur Schule und ins Dorf legte ich stets zu Fuß zurück. Während meine Geschwister im Erwachsenenalter eine Familie gründeten und nach und nach von der Burg wegzogen, blieb ich hier auf der Trostburg bei meinen Eltern. Dieser Ort war immer schon mein Zuhause und ist es bis heute geblieben.

Trostburg5

Welches sind zur Zeit Ihre Aufgaben und wie sieht Ihr Tagesablauf auf der Burg konkret aus?

Bereits frühmorgens füttere ich die Tiere im Stall, derzeit eine Kuh und ein Pferd. Danach frühstücke ich und erledige anschließend die üblichen Hausarbeiten, bis um 11 Uhr die erste Führung durch die Trostburg stattfindet. Täglich gibt es 3 bis 5 Führungen. Der Hof ist sehr groß, ich arbeite im Gemüsegarten, im Weingarten, in den Wiesen, pflege die Blumen in der Burg. Während ich für die Arbeiten im Hofbereich in den Sommermonaten Hilfe von meiner Schwägerin und meinem Bruder erhalte, erledige ich alle anfallenden Arbeiten in der Burg allein. Dazu gehört auch das Putzen. Wenn ab November die Burg geschlossen ist, schrubbe ich alle Holzböden sorgfältig. Ich putze sie nach alter Tradition mit lauwarmem Wasser und Kernseife. Gestern erst habe ich diese Arbeit abgeschlossen. Alles, was ich hier auf der Trostburg mache, mache ich gerne.

Fühlen Sie sich niemals allein?

Ganz allein wohne ich seit 20 Jahren hier. Vorher lebte ich mit meinen Eltern auf der Burg. Ich fühle mich aber nie allein, da ich hier auf der Trostburg eine Aufgabe habe! Der Kontakt zu meinen Familienangehörigen ist zudem sehr gut – wir halten zusammen. Wenn es die Zeit erlaubt, besuche ich meine Schwägerin im Dorf. Früher besuchten mich am Krampustag meine Neffen, brachten ihren Pyjama mit und durften hier bei mir übernachten. Öfters besuchen mich Bekannte aus dem Dorf, sie wandern über den alten Fußweg zur Burg herauf und kommen auf einen „Ratscher“ und einen Kaffee vorbei. Jeder im Dorf kennt mich als die Trostburg-Tresl, das finde ich lustig. Nein, einsam fühle ich mich sicher nicht.

Gibt es auf der Burg einen Lieblingsraum?

Ich liebe alle Räume. Diese Burg strahlt im Unterschied zu anderen Burgen Wärme aus, es findet sich nichts Erdrückendes oder Schweres. Das bestätigten auch die Besucher immer wieder. Die hellen Räumlichkeiten sind wohnlich und ich schmücke sie stets mit frischen Blumen. Jedes Zimmer ist auf seine Art schön und hat eine ganz eigene Geschichte.

Trostburg6

Zu welchen Persönlichkeiten, die auf der Burg lebten, hatten Sie einen besonderen Bezug?

Bis 1967 war die Burg im Besitz der Familie von Wolkenstein – rund 600 Jahre lang. Zu dieser Familie hatte ich sicherlich einen sehr guten Bezug, sie verbrachte immer den Sommerurlaub hier auf der Trostburg. Mein Vater holte die Grafenfamilie dann mit dem Pferdefuhrwerk im Dorf ab und sie wohnten genau oberhalb meiner heutigen Wohnräume. Zu meiner Aufgabe für die Grafenfamilie Von Wolkenstein gehörte vor allem die Raumpflege und das Herrichten der Zimmer, bevor die Familie zum Sommerurlaub einzog. Das Kochen übernahm ihre hauseigene Köchin, sie benutze dafür meine Küche. Als ihre Köchin aufgrund eines Leidens verstarb, übernahm meine Mutter für zwei Jahre das Kochen. Zum Schluss, nach dem Ableben des Herrn Grafen, kam die Gräfin nur mehr alleine auf die Burg. Wir bereiteten für sie das Frühstück, welches wir morgens auf ihr Zimmer brachten, und das Abendessen zu. Als sie 1967 die Burg aus finanziellen Gründen aufgeben mussten, war das für mich, aber vor allem für meine Mutter, eine schwere Zeit. Sie hatte über die Jahre eine freundschaftliche Beziehung zur Frau Gräfin aufgebaut und es traf sie sehr, dass der enge Kontakt nun verloren ging. Die Gräfin verstarb nach weiteren zwei Jahren – wohl am Kummer, der ihr das Auflassen der Burg bereitete.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft auf der Trostburg vor?

Ich hoffe, dass ich lange gesund bleibe, um noch vielen Aufgaben auf der Trostburg gerecht zu werden. Auch den steilen Fußweg zur Burg möchte ich noch lange gehen können, weil ich kein Auto besitze. Das fortschreitende Lebensalter bedingt es, dass man nicht mehr so einsatzfähig ist – dabei erinnere ich mich jetzt an meine Mutter, der ich im Alter viele Arbeiten wie Holz tragen, Kühe melken und Frühstück zubereiten abgenommen habe.
Aber allzu weit in die Zukunft möchte ich gar nicht denken. Ich mache mir keine Sorgen oder Gedanken. Ich bin ein zufriedener Mensch und für jedes Lebensjahr dankbar. Noch ist die Arbeit hier zu bewältigen und ich blicke jedem Tag erwartungsvoll entgegen!

Nach dem Gespräch mit Terese nehme ich mir noch Zeit, die Umgebung der Trostburg zu erkunden. Ich entdecke einen liebevoll angelegten Gemüsegarten, aus dem mich über den Zaun die letzten Blumen des Jahres grüßen. Rund um die Trostburg zeigen sich das Wirken und Werken des guten Geistes der Burg. Terese hat mich als Mensch beeindruckt, weil sie Erfüllung in ihren Aufgaben findet und Zufriedenheit erreicht hat. Sie hat für sich erkannt, dass Freiheit darin liegt, dort gerne zu sein, wo der eigene Platz der Bestimmung liegt. Und der ist für Terese … hier.
Voilà.

Back To Top