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Der Naturflüsterer – Georg Kantioler über Eine Sprache, Die Keiner Worte Bedarf

Der Naturflüsterer – Georg Kantioler über eine Sprache, die keiner Worte bedarf

Es gibt eine Sprache, die älter ist und tiefer geht als Worte.
Die Bildersprache.
Die Bildersprache in der Natur.
Linien und Strukturen,
Farben und Formen,
sich in den Jahreszeiten immer wieder verändernd,
gestaltet von der Kraft der Elemente
im Spiel von Licht und Schatten.

Georg Kantioler versteht sie, diese Sprache – seine einzigartigen Naturfotografien zeugen davon. Sensibel und einfühlsam, kraftvoll und lebendig, farbenfroh und manchmal plakativ, immer auf das Wesentliche reduziert, drückt er seine Liebe zu allem Lebendigen in seinen Bildern aus.

Sie führen in landschaftliche Schönheiten Südtirols, gewähren Einblicke in Details und Feinheiten von Flora und Fauna, die manchem Wanderer im allzu hastigen Vorüberschreiten entgehen. Ein Mensch, der die poetische und kraftvolle Sprache der Natur versteht und ausdrückt, hat nicht nur fotografisch viel zu erzählen.

Woher kommt deine Begeisterung für die Natur?

Ich wuchs zusammen mit meinen Geschwistern in einfachen Verhältnissen auf. Meine Eltern waren sehr sparsam, wir hatten nicht viele Spielsachen. Mein Spielplatz war vorwiegend die Natur.
Als Jugendlicher verbrachte ich mehrere Sommer als Hüterbub auf der Alm. Dabei musste ich meist zeitig am frühen Morgen nach den Kühen auf der Weide sehen. Öfters hatte ich zu dieser Tageszeit spannende und für mich sehr beeindruckende Begegnungen mit Wildtieren wie Gämsen, Rehen, Spielhühnern oder Schneehühnern, die bei mir immer aufgeregtes Herzklopfen auslösten. Die Liebe zu allem Lebendigen zieht sich wie ein grüner Faden durch mein Leben.

Erinnere dich an den Moment, an dem dich die Begeisterung für Fotografie zum ersten Mal gepackt hat.

Als Kind faszinierte es mich, in Büchern und Zeitschriften Naturbilder zu betrachten. Ich studierte vor allem die Namen und das Aussehen der heimischen Vögel und Säugetiere. Fasziniert beobachtete ich die Lebensräume und das Verhalten der Tiere durch das Fernglas. Dabei entstand, vielleicht zunächst auch unbewusst, der Gedanke, selbst zu fotografieren. Als ich zum ersten Mal die neu erworbene Spiegelreflexkamera meiner Schwester ausprobieren durfte, war dies wahrscheinlich der – im wahrsten Sinne – auslösende Moment, mich auf die Naturfotografie einzulassen.

grasfrosch

Was bedeutet Fotografie für dich?

Was zunächst ein fotografisches Sammeln, Festhalten und Dokumentieren von wunderbaren Naturerlebnissen war, die ich als Jugendlicher erfahren durfte, entwickelte sich im Laufe der Zeit zum Wunsch, GUT – nein, immer besser – zu fotografieren. Ein Bild ansprechend zu gestalten, das Wesentliche herauszukristallisieren, im Atelier Natur kreativ zu sein, wurde immer mehr zur Freude, zur Passion und zur Herausforderung. Ich musste erst lernen, zu erkennen, was ein gutes Foto ausmacht. Das Schöne zu sehen. Selektieren, Reduzieren, die Gestaltung und Anordnung als Sprache im Bild sind ein Prozess, eine geistige und seelische Entwicklung. Die Naturfotografie bedeutet für mich, mit allen Sinnen durchs Leben zu gehen und zu erkennen, wie phantastisch diese Erde, die Schöpfung ist.

Was ist für dich ein „gutes Foto“? Definiere deinen persönlichen Stil!

schlamm

Ich bin ein ruhiger Mensch und bevorzuge daher auch ruhige, aufgeräumte Bilder sowie klare Linien. Die Bildaussage muss für mich glasklar sein, das Auge muss beim Betrachten einen Anhaltspunkt finden. Ich möchte die Kernbotschaft des Bildes sofort erkennen. Ich mag das Plakative als gestalterisches Element in der Fotografie und die Betonung durch Farbe. Der Bildausschnitt im Foto ist maßgebend.

Meinen Fotostil würde ich auch als ruhig und geordnet bezeichnen. Vor allem die Makrofotografie ist für mich interessant, da ich dabei meiner Kreativität freien Lauf lassen kann und selbst zum Gestalter werde.

Mich interessiert unter anderem die Entstehungsgeschichte deiner Fotos.
Kannst du zu diesem Bild ein Beispiel nennen?

dreizinnen

Eingehüllt in die herbstlich kühle Dunkelheit einer Oktobernacht, umgeben von der Dichte des Nebels, machte ich mich spät abends auf den Weg. Eine Bergspitze mit einer besonderen Aussicht war das Ziel. Zwei Fotofreunde begleiteten mich. Schon seit längerer Zeit hatte ich auf bestimmte Wetterbedingungen und Umstände gewartet: eine mondlose Nacht mit sternenklarem Himmel, über dem Tal dichter Nebel – so sollte es aussehen.
Am Gipfel angekommen, war dem allerdings nicht so. Auch unser Gipfel war immer noch in Nebel eingehüllt. Zwar konnten wir immer wieder für kurze Momente die Sterne über uns sehen, nicht aber die umliegenden Berge.
Meist verlor sich der Blick im Nichts, im Weiß des Nebels – und dies für mehrere Stunden – bis sich plötzlich und unerwartet die Nebeldecke ein wenig senkte. Nun bot sich uns ein atemberaubender Anblick. Zu unseren Füßen breitete sich das Weiß des Nebels aus – ober uns eröffnete sich die Unendlichkeit des Sternenhimmels. Alles Urbane verlor sich hier auf dieser Höhe in einer fast greifbaren Stille. Die Schönheit dieser nächtlichen Berglandschaft ließ in mir Ehrfurcht vor der Größe der Schöpfung aufkommen. Dies war der Moment der Entstehung dieses Fotos.
Der Titel meiner Multivisions-Show „Wie im Himmel so auf Bergen“ entstand unter anderem aufgrund dieser Erfahrung.

Wenn du beschließt, in die Natur zu gehen, um zu fotografieren, gehst du dann bewusst auf Motivsuche?

Motive erst SUCHEN zu müssen würde ich als zu anstrengend empfinden. Ich entscheide mich je nach Wetterlage und Lichtverhältnissen schon im Voraus, was ich fotografieren möchte. Dabei bin ich zielstrebig, lege den Fokus – im wahrsten Sinne – auf mein Vorhaben und lasse mich nicht ablenken. Im Laufe meiner fotografischen Tätigkeiten und durch meine naturverbundene Lebensweise, habe ich ein Gespür für die Rhythmen von Flora und Fauna in den Jahreszeiten entwickelt. Ich weiß, welche Pflanzen zu welcher Zeit in der heimatlichen Umgebung wachsen, wo die Tiere aufzuspüren sind. Ich kenne ihre Lebensbedingungen und Lebensräume. Alles Interessante, das mir begegnet, halte ich in einer Tabelle, welche ich wie ein Tagebuch führe, fest. So erinnere ich mich jederzeit an Besonderheiten in der Natur. Ist mir die Ablichtung eines Motivs gelungen, erfüllt mich dies mit dankbarerer Zufriedenheit.

Suchst du dabei immer wieder dieselben Orte auf? Welche sind deine Lieblingsgebiete?

Das Umfeld meines Heimatortes Feldthurns und das Fanesgebiet im Gadertal gehören zu meinen bevorzugten Fotozielen. Da ich auf engem Raum eine unglaubliche Vielfalt an Motiven vorfinde, bewege ich mich in einem eher kleinen fotografischen Radius. Gelegentlich erkunde ich, immer in meiner Heimat, auch neue Fotogebiete.

Gibt es sie in Südtirol noch, die wilden Orte, die Kraftplätze, mystische Wälder und Täler? Wo findest du Ruhe für deine Foto-Kunst?

Es gibt sie, diese Plätze. Ich kenne Orte der Ruhe und Kraft, stille Wälder und raue Täler, welche mich in die Natur eintauchen lassen, wenngleich immer auf kleinem Raum und teilweise versteckt.
Südtirol ist ein kleines Land mit einer großen Bevölkerungsdichte. Inzwischen sind auch die entlegensten, urigsten Täler urban erschlossen. Strommasten, Hinweistafeln, Berggasthäuser oder Gipfelkreuze stören bei der Landschaftsfotografie. Um stimmungsvolle Landschaftsfotos zu machen, bin ich daher am liebsten am frühen Morgen, in der abendlichen Dämmerung, zur „blauen Stunde“ oder bei Nebel unterwegs. Diese Lichtverhältnisse lassen dann vieles Störende verschwinden.

buchenwald

Warum fotografierst du vor allem in Südtirol?

Um gute Bilder zu machen, ist es meiner Meinung nach wichtig, im näheren Umfeld zu bleiben und dieses gut zu kennen. Die Wahrscheinlichkeit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein – ausschlaggebend für gutes Fotografieren – ist damit eher gegeben. Südtirol ist ein wunderbares Land, mit einer enormen Vielfalt an Naturmotiven, die sich in den Jahreszeiten immer wieder unterschiedlich präsentieren. Ich fühle mich dem Land sehr verbunden und bin glücklich, hier zu wohnen.

Was kannst du bei deinen Fotoexkursionen besonders genießen?

Während ich das Fotografieren bei der Landschaftsfotografie genießen kann, ist der Bereich der Makrofotografie harte Arbeit. Makrofotografie bedeutet Konzentration und sogar Körpereinsatz: robben, knien, bücken, sich verrenken, um an das Motiv heran zu kommen, oft sogar im feuchten Dreck oder auf kaltem Eis. Den passenden Bildausschnitt auf kleinem Raum zu finden, immer wieder durch das Objektiv blickend störende Faktoren zu erkennen, dabei auf den passenden Lichteinfall zu achten, erfordert ein hohes Maß an Konzentration und Genauigkeit. In diesem Moment kann man nicht von genussvollem Fotografieren sprechen. Erst im Nachhinein, mit dem Bild auf der Speicherkarte, ist Raum da, um die tiefe Verbundenheit zur Natur und zum Motiv, die sich beim Fotografieren einstellt, zu spüren und zu genießen. Das Gefühl, „das war ein klasse Tag“, stellt sich meist erst auf dem Nachhauseweg ein – geistig erschöpft.

Was kannst du bei deinen Fotoexkursionen besonders genießen?

Während ich das Fotografieren bei der Landschaftsfotografie genießen kann, ist der Bereich der Makrofotografie harte Arbeit. Makrofotografie bedeutet Konzentration und sogar Körpereinsatz: robben, knien, bücken, sich verrenken, um an das Motiv heran zu kommen, oft sogar im feuchten Dreck oder auf kaltem Eis. Den passenden Bildausschnitt auf kleinem Raum zu finden, immer wieder durch das Objektiv blickend störende Faktoren zu erkennen, dabei auf den passenden Lichteinfall zu achten, erfordert ein hohes Maß an Konzentration und Genauigkeit. In diesem Moment kann man nicht von genussvollem Fotografieren sprechen. Erst im Nachhinein, mit dem Bild auf der Speicherkarte, ist Raum da, um die tiefe Verbundenheit zur Natur und zum Motiv, die sich beim Fotografieren einstellt, zu spüren und zu genießen. Das Gefühl, „das war ein klasse Tag“, stellt sich meist erst auf dem Nachhauseweg ein – geistig erschöpft.

Du bist Mitglied von Strix, DEN Naturfotografen in Südtirol. Worin bestehen die Aktivitäten von Strix? Welche Bedeutung hat für dich die Vereinstätigkeit von Strix?

Die Mitglieder von Strix treffen sich einmal monatlich in Brixen. Dabei werden Bilder der verschiedenen Naturfotografen gezeigt und besprochen. Ein interner, jährlicher Wettbewerb zu unterschiedlichen Themen soll die Mitglieder anspornen, aktiv und kreativ zu sein. Einmal im Jahr ist ein gemeinschaftlicher Fotoausflug geplant.

Meines Erachtens ist es für die fotografische Entwicklung wichtig, Fotos zu betrachten, Bildideen zu diskutieren, andere Sichtweisen kennen zu lernen, sich auszutauschen. Eine gesunde Konkurrenz lässt mich an den eigenen Fähigkeiten arbeiten, ich möchte mich weiter entwickeln. Dabei ist es nicht wichtig, besser zu sein als alle anderen. Wichtig ist, besser zu sein, als ich es gestern war. So wird Lernen möglich.
Der Austausch mit anderen Fotografen ist für mich wertvoll, zu vielen Mitgliedern pflege ich ein freundschaftliches Verhältnis. Mitglied von Strix zu sein, bedeutet für mich eine Bereicherung.

Welche Projekte hast du für deine Zukunft?

Besonders freue ich mich über die gemeinsame Arbeit an einem Fotobuch mit meinen Brixner Fotofreunden Hugo und Johannes Wassermann sowie Manuel Plaickner. Der Bildband über Südtirol soll im Herbst erscheinen. Der Buchtitel steht bis zum heutigen Datum noch nicht fest. Für den Februar 2017 ist eine Wiederholung der Multivisions-Show „Wie im Himmel so auf Bergen“ im Passeiertal geplant. Die Teilnahme an fotografischen Wettbewerben wird für mich weiterhin eine Herausforderung darstellen. Das Fotografieren wird mich in meinem Leben begleiten – es ist eine meiner bevorzugten Ausdrucksformen und eine Passion.

Eine ganz bewusste Auseinandersetzung mit einem Menschen, mit brisanten und / oder schönen Themen, Gedanken und Bildern, führt mich stets vom Interview zum Inner-View.
Im Gespräch mit Georg Kantioler entdeckte ich Wesensmerkmale und Eigenschaften, die ich selbst entwickeln möchte, da ich selbst Fotografie-begeistert bin. Aber auch seine Zielstrebigkeit und seine Ausdauer haben mich beeindruckt. Kraftvolle Festigkeit und Beharrlichkeit sind erforderlich, um Ziele zu verwirklichen.
Danke Georg, für deine Offenheit.

Beatrix Morandell

Für seine fotografischen Leistungen hat Georg Kantioler zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Unter anderem wurde er Kategoriesieger bzw. mehrfacher Preisträger bei folgenden internationalen Wettbewerben:

WPY – Wildlife Photographer of the Year
ENJ – Europäischer Naturfotograf des Jahres
Asferico
Glanzlichter

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