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O(h)rnithologische Führung Mit Josef Hackhofer

O(h)rnithologische Führung mit Josef Hackhofer

Die Luft ist ihre Heimat.
Sie kennen keine Grenzen …
fliegen auf ihren Wanderungen um die ganze Erde,
wählen ihre Lebensräume frei nach ihren Bedürfnissen.
Sie singen den Raum weit.
Sind Vögel nicht wie unsere flüchtigen, schnellen Gedanken?
Gedanken und Vögel sind frei.

Lophophanes (Parus) cristatus
© Sepp Hackhofer

Der Dirigent des Vogelorchesters

Mit federnd leichtem, aber dennoch entschlossenem Schritt, das Fernrohr lässig über der Schulter, mit wacher Aufmerksamkeit, führt er eine kleine, aber motivierte Gruppe durch die kühle Stille des frühen Morgens. Ein Jogger biegt in entspanntem Lauf um die Ecke, ein Hund schnüffelt sich durch die Straßen. Sonst ist da niemand. Mensch und Tier räkeln sich noch im morgendlichen Schlummer.
Bis auf die Vögel. Ein Singen und Pfeifen, ein Zwitschern und Flöten, in unterschiedlichen Tonlagen, aus Sträuchern und Hecken der nahen Gärten, aus den Wipfeln einiger Nadelbäume in der Ferne. Die Vogelsymphonie steigert sich vom Mezzopiano über ein Crescendo zum Fortissimo. Einzelne gefiederte Sänger stimmen unabhängig vom Zusammenspiel des Orchesters ein Solostück an, trillern eine kurze Arie und brechen dann ihren Gesang unerwartet ab.

Josef hält inne, hebt den Zeigefinger, zeigt in verschiedene Richtungen und winkt mit einer eleganten Handbewegung wieder ab, sobald ein Vogel verstummt. So, als wäre er der Dirigent dieses Vogelorchesters. Dabei nennt er verschiedene Namen: Haussperling, Amsel, Singdrossel …

Mitten hinein in die Sinnenwelt des Hörens führt Josef seine lauschende, kleine Gruppe.

Warum singen Vögel?

„Warum singen Vögel?“, fragt uns Josef, der Vogelstimmenexperte.
Auf diese einfache und unerwartete Frage weiß keiner der Teilnehmer eine Antwort – wer hat schon je darüber nachgedacht?
„Der Vogelgesang dient dazu, ein Revier abzustecken. Die Lieder sollen ein passendes Weibchen bezirzen. Jede Vogelart hat ihre eigenen Melodien. Auch für uns Menschen sind die Signale und Reaktionen der Vögel eine Botschaft. Wer die Vogelsprache kennt, erfährt viel über Umwelt und Lebensräume: Eigenschaften der Landschaft, Veränderungen im Pflanzenreich, Wettervorhersagen“, erzählt er. Ich möchte mehr über die Sprache der Vögel erfahren, über ihre Kommunikation, das Netzwerk ihrer Verständigung – das „Vogelinternet“, sozusagen.

© Kurt Tappeiner

Von Amsel bis Zilpzalp

Konzentriert legt Josef seine zu einem Trichter geformten Hände an die Ohren: „Um den Vogel genau zu orten“, erklärt er. Ich bin erstaunt, dass es so viele verschiedene Vogelarten in einer von Menschen bewohnten Umgebung gibt: Blaumeise, Haussperling, Türkentaube, Gartenrotschwanz, Mönchsgrasmücke, Girlitz, Mauersegler, Rauchschwalbe … Für mein ungeschultes Gehör setzte sich der akustisch wahrnehmbare Vogelbestand bisher in erster Linie aus Amseln, Spatzen, Tauben und dem unüberhörbaren Kuckuck zusammen.

„Am besten achtet man auf mehrere Kennzeichen, um eine Vogelart sicher zu erkennen: Größe und Gestalt, Färbung des Gefieders, das Verhalten und natürlich der Gesang bieten Anhaltspunkte. Oft ist es zuerst die Stimme, die auf einen Vogel aufmerksam macht, noch bevor wir ihn zu Gesicht bekommen.“
Josef kennt die akustischen Signale der Vögel und ihre Botschaften, er unterscheidet zwischen Gesang, Kontaktrufen, Bettelrufen der Jungvögel oder Warnrufen.

© Kurt Tappeiner

Er greift in seine Westentasche und wählt aus seiner Sammlung verschiedener Vogelpfeifen eine etwas bauchige, hölzerne aus. „Mal sehen, ob er antwortet“, meint Josef und bläst ein wohltönendes „KUCKUCK – KUCKUCK“. Wir warten gespannt. Tatsächlich: über den Baumwipfeln schwirrend, von Neugier getrieben, hat sich schon einer eingefunden, erkennbar an seinem grauen Gefieder und dem gestreiften Bauch. „Wie wird man Vogelstimmenexperte?“, wage ich – nicht ohne Bewunderung – zu fragen.
Josef erzählt, das Fernglas in der Hand, den Blick weiterhin suchend in die Weite gerichtet.

Werkstattraum im Tausch gegen die Freiheit des Himmels

„Ich tauschte den geschlossenen Raum meiner Werkstatt gegen den offenen Himmel ein. Mein gelerntes Handwerk als Tischler hing ich sprichwörtlich an den Nagel, um meiner wahren Berufung, der Liebe zur Natur, nachzugehen. Darin finde ich Erfüllung. Als Schutzgebietsbetreuer bin ich viel draußen unterwegs“, erzählt Josef freudestrahlend.

Feldlerchenchor

Mein Interesse an den Vögeln und den Vogelstimmen entwickelte ich bereits in meiner frühen Kindheit: Die nahe gelegenen Wiesen meines Dorfes waren vom frühsommerlichen Gesang der Feldlerchen erfüllt. Während sie sich in den Himmel erhoben, von den aufsteigenden Winden getragen, erklang ihr melodienreicher Gesang. Er tönt noch heute in meinen Ohren.“

Josefs Augen leuchten, als er von Feldlerchengesang und offenen, weiten Wiesen im Pustertal erzählt. Beinahe kann ich ihn auch hören – den sommerlichen Lerchenchor. Josef erzählt anschaulich und lebendig.

Architektonische Besonderheiten in Vahrn

Der Weg führt durch einen Kastanienhain. Wir werden auf den Nistplatz eines Kleibers im Stamm eines alten Kastanienbaums aufmerksam gemacht. Das Fernrohr wird platziert. Interessierte Blicke spähen forschend durch das optische Hilfsmittel. Die architektonische Präzisionsarbeit des mit Lehm zugekleisterten Fluglochs löst Staunen aus. Der Baukünstler posiert kurz vor seiner Nesthöhle, läuft kopfüber den Stamm hinunter, entschwindet flugs im Geäst mehrerer alter Bäume und lässt sich dann nicht mehr erblicken. „Die Vögel merken genau, wohin die Aufmerksamkeit des Menschen geht“, erklärt unser Experte.

© Kurt Tappeiner

Ein Fall für XY – gelöst

Dort wo Gartenanlagen und Kastanienhain in die Weite der Ackerflächen und Wiesen übergehen, wohnt ein Vogelpärchen. In den Büschen des Holunders und Weißdorns, welche einen Acker umsäumen, hat es sein Nest gebaut, knapp über dem Boden, gut getarnt und beinahe unsichtbar – aber nicht für Josef. Mit detektivischem Blick nimmt er die Vögel bereits aus einiger Entfernung wahr, äußert eine Vermutung, blickt forschend durch sein Fernglas. Sein Verdacht bestätigt sich: „Hier wohnt ein Neuntöter-Paar“, meint er und schmunzelt amüsiert über den aussagekräftigen Namen. Eine Teilnehmerin der Wanderung fragt neugierig: „Stimmt es, dass der Neuntöter seine Beute aufspießt?“
„In Südtirol habe ich das noch nicht beobachtet. In Gebieten, in denen es oft anhaltend regnet oder längere Trockenzeiten herrschen, speichert er die Beute indem er sie lähmt und anschließend aufspießt.“ Josef weist darauf hin, dass der Neuntöter auch „Rotrückenwürger“ genannt wird.

Kleiner als klein

Der Gesang einer Tannenmeise kündigt uns den nahe gelegenen Wald an.
„Eigentlich sind es Fichten, die diese Meisenart bewohnt. Die Namensgebung weist in diesem Fall nicht unbedingt auf den Lebensraum hin. Die Tannenmeise ist ausgesprochen vermehrungsfreudig, jedes Gelege umfasst ca. 10 Eier, sie brütet 3 mal jährlich.“ Seine Ausführungen ergänzt unser Vogelstimmenexperte durch Abbildungen in einem Bestimmungsbuch, dem man seinen häufigen Einsatz ansieht. „Welcher ist der kleinste Vogel?“ Josefs Fragen wecken bei den Teilnehmern immer wieder Neugier und Spannung. Ich tippe auf den Zaunkönig, erfahre aber sogleich, dass es wirklich einen Winzling unter den Vögeln gibt. Mit seinen etwa neun Zentimetern Körpergröße wiegt das Wintergoldhähnchen nur zwischen vier und sieben Gramm.

Reizüberflutung

Die ersten Strahlen des warmen Sonnenlichts erwecken die Farben des Waldes: Leuchtendes Hellgrün im Wechsel mit dunklem Tannengrün, unter den Bäumen eingestreut strahlendes Gelb und sanftes Lila einiger Sommerblumen. Lichtspiele und Spiegelungen im Moorwasser des Vahrner Sees, Seerosenblätter, welche zart über dem Wasser schweben: Eine perfekte Kulisse für den Auftritt der Vögel – eine wunderbare Abrundung unserer Vogelstimmenwanderung, hätten sich da nicht schon seit einiger Zeit unüberhörbare akustische Reize in das morgendliche Bild geschlichen. Das monotone Rauschen der Fahrzeuge auf der Brennerautobahn und ein heran rollender Zug stören das akustisch idyllische Bild. Und – lassen die Vögel nur noch lauter singen. „Sie haben sich an diese Geräuschkulisse insofern angepasst, als dass sie hier besonders laut singen, um von den anderen Vögeln nicht überhört zu werden“, berichtet Josef.

Die Vögel lassen sich also von Lärmbelästigung keineswegs den Schnabel verbieten. Für uns hingegen klingt das Geknatter und Gebrause plötzlich noch aufdringlicher, wohl, weil wir während der Exkursion unseren Ohr-Sinn aktiviert haben. Leise und noch immer lauschend, den Vögeln und den eigenen Gedanken, macht sich die kleine Gruppe auf den Rückweg.

Vogelstimmen6

Nur nicht die Flügel hängen lassen

In Märchen, Mythen und Legenden, in Fabeln und Gedichten, heute und in vergangenen Zeiten drücken die Menschen ihr Interesse und ihre Freude für ihre gefiederten Mitbewohner auf dieser Erde aus. Sprichwörter, die sich an Eigenarten oder Wesensmerkmale der Vögel anlehnen, bekunden, dass sich der Mensch den Vögeln verbunden fühlt.

Redewendungen wie „Die Spatzen pfeifen es von den Dächern“, „Jemandem ein Kuckucksei ins Nest legen“, „Sich mit fremden Federn schmücken“, „Reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist“ oder „Schimpfen wie ein Rohrspatz“, drücken in Bildern menschliche Verhaltensweisen und Merkmale aus.

In Anbetracht der Tatsache, dass die Lebensräume der Vögel zunehmend verschwinden und beengt werden, dass Vogelarten aufgrund menschlicher „Unarten“ stark dezimiert werden, würde ich öfters am liebsten „die Flügel hängen lassen.“

Daher bin ich Menschen wie Josef Hackhofer dankbar. Die Ornithologischen Führungen, von seiner Begeisterung getragen, lassen den Funken auf Kinder und Erwachsene überspringen. Er vermittelt spannend und anschaulich Kenntnisse über diese wunderbaren Lebewesen. Denn was der Mensch kennt, liebt er.
Was der Mensch liebt, schützt er.

Danke Josef, für deinen Beitrag als Schutz(gebiets-)betreuer.

© Sepp Hackhofer

Zu Josef Hackhofer:

Josef Hackhofer wurde 1962 als jüngster von drei Geschwistern geboren und wuchs am elterlichen Bauernhof in Toblach auf. Er absolvierte die Ausbildung zum Tischler und übte das Handwerk bis zum Jahr 1990 aus, als er schließlich seine Leidenschaft für die Natur zum Beruf machte: Seither ist Hackhofer im Amt für Naturparke tätig, seit 2000 als Schutzgebietsbetreuer. Er ist außerdem Mitgründer des Fotografenverbandes „Strix – Naturfotografen Südtirol“. In seiner Karriere hat er zahlreiche fotografische Erfolge gefeiert, u. a. war er 2009 Jurymitglied beim weltgrößten Naturfotografie-Wettbewerb „Wildlife Photographer of the Year“.

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