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Surviving Südtirol

Surviving Südtirol

Wo Bär und Wolf sich gute Nacht sagen

Die Türen des Busses, der uns auf den Gampenpass gebracht hatte, schlossen sich mit einem irgendwie endgültigen Geräusch, der Motor heulte auf und der orangene Riese mühte sich weiter Richtung Mendel. Da wollten wir auch hin – allerdings zu Fuß. Schon jetzt fühlte ich mich wie ein echter Kerl, ein Fahrtenmesser lässig an den Rucksack geschnallt und außer einem Stück Schnur und einer Wasserflasche nichts weiteres dabei. Hätte ich geahnt, was auf mich zukommen würde … ich hätte wohl etwas mehr eingepackt…

Ein paar Monate zuvor …

„Sag mal, wofür kaufst du dir den ganzen Kram eigentlich?“, fragte meine Frau stirnrunzelnd, als ich freudestrahlend mit einer Edelstahl.-Trinkwasserflasche zu Hause ankam. „Na, die kann man direkt ins Feuer stellen, um Wasser abzukochen“, antwortete ich stolz. „Sowas muss man dabei haben!“ Wo genau man sowas dabei haben sollte, darauf wusste ich dann aber auch keine Antwort. Klar: als Kind hatte ich mit meinen Freunden Baumbuden noch und nöcher gebaut, wir hatten Lichtungen im Sturm erobert oder Gehölze gegen imaginäre Angreifer verteidigt. Jetzt – Mitte 30 – geht man auf den Berg, isst oben in einer Hütte zu Mittag und geht wieder nach Hause. Das Abenteuer, wie man es in jungen Jahren in Sekundenbruchteilen herbei phantasieren konnte, findet auch heute immer nur im Kopf statt. Und in der Brieftasche, bzw. in der Hobbykiste, in die ich gerne hineinschaute, um mich an Axt, Klappsäge, Faltofen, Feuerstahl, Kompass und Co. zu erfreuen. Eines Tages würde ich schon einmal aufbrechen, immerhin war ich umgeben von Natur. Eines Tages, wenn ich mal Zeit habe, wenn ich zwischen Familie, Arbeit und Hobbys mal nicht weiß, was tun … eines Tages … hmm, also nie! Gott sei Dank ist meine Frau meine Frau! Zum 36. Geburtstag bekam ich einen Gutschein: „Dreitägige Survival-Wanderung“ stand darauf. „Damit du endlich mal auch machst und nicht immer nur sinnierst“, stand auf der Karte dazu. Was soll ich sagen: ich war sprachlos. Denn es ging nicht um den Wert des Geschenks an sich – kaufen hätte ich mir sowas auch jederzeit können – es ging um das Geschenk der Zeit, die stille Einwilligung und Bereitschaft, noch ein paar Tage auf mich zu verzichten, damit ich einem Hobby frönen konnte, von dem ich nicht mal wusste, ob es mir wirklich gefällt. Und es ging darum, mich endlich mal ans Machen zu kriegen. Was soll ich sagen. Meine Frau ist halt einfach meine Frau!

Vorbereitung

Voller Vorfreude begann ich sofort mit dem Durchsehen der Ausrüstung: Axt, Taschenmesser, Klappmesser, Arbeitsmesser, 30 m-Schnur, Hobo-Ofen, Spirituskocher, Besteck, Edelstahl-Tasse und Flasche, Luftmatratze, Schlafsack, Zeltplane, Klappsäge, Flüssignahrung für vier Tage, diverser Kram zum Feuer- Machen, alles verpackt in meinem sündhaft teuren Rucksack, gefertigt nach militärischen Vorgaben aus unzerstörbarem 1000er-Dura, verstärkt mit zähem Zodiak-Schlauchboot-Gummi und mit zig Taschen und Schlaufen, um in bester Rambo-Manier auch alles daran zu hängen.

Dann hatte ich das Vorgespräch zur Tour und lernte Philipp kennen …

„Also, du brauchst eigentlich nur ein Messer, eine Wasserflasche und einen Rucksack. Ich soll dich da ein bisschen an deine Grenzen bringen, hat deine Frau gesagt“, grinste er. Unser Plan sah vor, mit dem Bus auf den Gampenpass zu fahren und uns von dort querfeldein durch den Nonsberger Wald zurück in unseren Heimatort zu kämpfen. Inklusive zweier Übernachtungen – ohne Isomatte, Schlafsack oder Decke. Männer-Ehrgeiz voll getroffen. Was sollte ich groß sagen, außer: „Challenge accepted“?

Und so stehen wir da. Im strahlenden Herbstsonnenschein und bei angekündigten sintflutartigen Regenfällen. Ich bin erst gegen 05.00 Uhr morgens von einer Auslandsreise zurück gekommen und habe so ca. drei Stunden geschlafen. Aber als ganzer Mann hatte ich mich meinem Schicksal gefügt – und meinem Arsenal einfach noch eine Regenhose hinzugefügt. Vielleicht hätte ich doch ausgiebiger frühstücken sollen …

Besinnt auf die Natur

Es beginnt mit einem Aufstieg auf den großen Laugen. Knapp 1.000 m Höhenunterschied vom Gampenpass aus und genau in der entgegengesetzten Richtung gelegen, in die wir eigentlich müssen. „Klassische Survival Vorgehensweise“, belehrt mich Philipp, „erstmal auf eine Erhöhung hoch, die Lage überblicken, den Weg festlegen und dann loslaufen.“ Gesagt, getan – Philipp ist drahtig, ein Ausdauersportler, dem lange Strecken nichts ausmachen. Ich bin da ja eher der Sprinter-Typ, wie Gimli der Zwerg bei Herr der Ringe. Aber ich muss schon zugeben: die bewusste Auslieferung an die Natur schärft ganz erheblich die Sinne. Sofort ist der Blick auf den Boden geheftet und sucht nach Pilzen, Bucheckern, Pinienzapfen, Brennnesseln und Beeren. Das Lauftempo wird langsamer und ein guter Nahrungsfund eine Freude. Dinge, an denen der nahrungsmäßig gut versorgte Wanderer bedenkenlos vorbeiläuft, werden plötzlich wichtig. So wie die Eichhörnchen im Baum, die in deren Kronen Tannenzapfen zerpflücken und die einzelnen Stücke auf uns hinunter rieseln lassen, wie auf die Helden einer Siegesparade. So fühle ich mich gerade: der Wildnis ins Auge blickend, mutig und stark. Aber wir sind ja auch gerade erst eine Stunde unterwegs. Der Grashüpfer, den ich todesmutig nur wenig später probiere, schmeckt übrigens gar nicht schlecht. „Aromen wie grüne Haselnüsse“, stellt Philipp mit Kennermiene fest, und fängt sich direkt einen doppelt so großen wie meinen.

Nils_Heuschrecke

Im Adlerhorst

Hoch hinauf geht es. Dank leichtem Gepäck kein Problem. Vielleicht bin ich aber auch einfach fitter, als ich gedacht habe. Auf dem Gipfel die Enttäuschung: Nebel und Wolken verdecken uns die Sicht. Wir sammeln Brennnessel-Samen (100g = 237kcal – Heidi Klum würde sie lieben, uns wäre jetzt schon eine saftige Lammkeule recht). Einige essen wir direkt, den Rest sammeln wir für den Abend. Dann reißt die Wolkendecke auf. Wir zücken den Kompass, Süd-West wird es gehen, durch den Wald, am Felixer Weiher vorbei und durch die Scharte zwischen Penegal und Mendel hindurch zurück nach Eppan. Kinderspiel …denke ich noch so …

Auf und ab

Und zwar geographisch, meteorologisch und emotional. Wir steigen vom Großen Laugen ab und ziehen Richtung Nachtlager Nr. 1. Abwärts wählen wir den direkten Weg, das bedeutet, durch ein Bachbett geht es steil hinunter. Vorsicht ist geboten, denn ein falscher Schritt kann schnell einen Sturz bedeuten. Dafür haben wir aber frisches Wasser – unsere Vorräte vom Aufstieg haben wir bereits aufgebraucht. Philipp schaut kurz: „Köcherfliegenlarven. Top Wasserqualität“ und schnell füllen wir unsere Flaschen und genießen ein paar Schlucke.

Keep going

Wir wollen Strecke machen. Durch die Nahrungssuche (vor allem Preiselbeeren und Himbeeren) sind wir recht langsam unterwegs. Es geht auf den Abend zu. 1.000 plus 1.000 Höhenmeter sind gemacht, wir müssen zurück, hinunter zur und über die Gampenpass-Straße, hinauf auf eine dahinter liegende Höhe, um dort einen Ort zum Übernachten zu finden. Die Zeit ist schneller. Um noch ein wenig Tageslicht beim Lagerbau zu haben, können wir nicht mehr lange suchen und entscheiden uns für eine kiesige Lichtung mit viel Altholz. Die Plane von Philipp spannen wir notdürftig über einem Querast auf, ich suche mir eine kuschelige Kuhle unter einer Buche. Mein Poncho schützt meine Lagerstätte. Es beginnt zu regnen …wir machen uns eine Suppe aus dem, was wir tagsüber gesammelt haben. Viel ist es nicht, aber es wärmt und bringt die Illusion neuer Kräfte. Schnell werden meine Augen schwer. In meiner Senke schlafe ich ein …

I can’t stand the rain

… und wache wieder auf. Wie lange ich geschlafen habe? Keine Ahnung, ich habe ja keine Uhr. Aber ich fühle, dass meine Knie nass sind. Trotz Poncho-Dach. Der Regen hat merklich zugenommen. Der Wind auch. Ich friere, trotz Regenhose, Hose und langer Unterhose. Der Poncho über mir deckt nur noch einen kleinen Teil ab und schützt mich nicht mehr. Ein lästiger Wind, vom Tal herauf ziehend, tut sein Übriges, uns bis auf die Knochen auszulaugen. Auch Philipp kann nicht schlafen. Seine Plane ist undicht geworden und außerdem müssen wir permanent das Feuer bewachen, damit es im strömenden Regen nicht ausgeht. An Schlaf ist nicht zu denken. Wir fällen eine Entscheidung: statt hier im Regen zu liegen und nicht zu schlafen, können wir genauso gut weiter laufen. Das Lager ist schnell abgebaut, die Plane und der Poncho schützen uns über die Schultern geworfen halbwegs vor dem Regen – wir folgen dem Kompass weiter Richtung Süd-West. Das Schlafkonto verbucht zu dieser Zeit etwa dreieinhalb Stunden Schlaf in 48 Stunden. Läuft!

Survival in der Zivilisation

Was eine bewusst herbeigeführte Survival-Situation ziemlich erschwert, ist der Umstand, dass man sich ja nicht wirklich in einer ebensolchen befindet. Feuer nur in entsprechend gesicherten Feuerstellen, Übernachten nur in einem offenen Unterstand – Häuser und sonstige bewohnte Orte sind natürlich tabu. Im Falle eines echten Überlebenskampfes würde man zu jedem Mittel greifen, das sich einem bietet. Das kriege ich nun am eigenen Leib zu spüren. Mein Körper ist nach gut 20 Stunden hoher Anstrengung ohne Essen und ohne Schlaf in keiner so tollen Verfassung. Dazu kommen die Kälte und der Regen. Wir trotten durch den Wald und suchen nach einem trockenen Unterschlupf, aber es findet sich keiner. Kassenhäuschen und Materialschuppen sind verschlossen, unter eine Baggerschaufel trauen wir uns nicht zu klettern, da wir nicht wissen, wie lange wir schlafen und ob am nächsten Morgen diese Schaufel vielleicht bewegt wird.

Survival in der Zivilisation

Irgendwann informiere ich Philipp, dass wir nun entweder hinter der nächsten Kurve etwas finden, oder ich mich einfach auf die Straße lege und dort übernachte, denn mir fallen bereits beim Laufen die Augen zu. Wir entscheiden uns letztlich dazu, auf der überdachten Veranda eines Ferienhauses zu schlafen. Nicht warm, aber wenigstens (halbwegs) trocken. Ob das Haus gerade bewohnt ist? Wir wissen es nicht und es ist uns ziemlich egal. Vielleicht lädt uns der Bewohner ja am Morgen zu einem Kaffee ein? Oder er jagt uns weg mit vorgehaltenem Jagdgewehr …wer weiß. Ich bin nur noch müde und es ist mir egal. In einem Liegestuhl auf der Veranda falle ich in einen unruhigen, immer wieder unterbrochenen Schlaf.

Ein neuer Tag beginnt

Der Morgen beginnt dunstig und klamm. Ich zittere am ganzen Körper, meine Zähne schlagen aufeinander. Der Bewohner ist nicht aufgetaucht. Entweder, es gibt gerade keinen, er hat uns nicht bemerkt (was mich wundern würde, denn wir liegen direkt vor seiner Eingangstür) oder es ist einfach noch zu früh. Wir ziehen uns alles an Kleidung an, was wir haben und ziehen weiter. Richtung Süd-West. Immer dem Kompass nach, der seit Jahren in meiner Schublade lag und jetzt endlich die Würdigung findet, die er sich verdient hat. Nach ein paar Kilometern ist uns wenigstens wieder halbwegs warm. Verwundert stellen wir fest, dass wir mit unserer nächtlichen Wanderung ziemlich viel Strecke gut gemacht haben. Wir sind nur noch wenige Stunden von unserem Zielort entfernt.

Leben in der Lage

Ein zweites Nachtlager macht damit keinen Sinn mehr. Wir beschließen, weiter zu laufen. Überraschenderweise ist mein Körper wieder ziemlich fit. Ich bin wach, aufmerksam und – habe keinen Hunger. Aber seien wir ehrlich: ein grundsätzlich gut genährter Erste-Welt-Mensch wird wohl auch nicht gleich nach 48 Stunden ohne Nahrung zusammenbrechen …

Der Weg durch den Wald ist schnell geschafft. Nach 2.000 Höhenmetern am gestrigen Tag sind die wenigen Hundert heute ein Witz. Schon bald stehen wir auf dem Penegal, über meinem Wahlheimatdorf Eppan. Es geht an den Abstieg, der zwar mit all dem losen Geröll nochmal ziemlich heikel wird, aber mit einer letzten Kraftanstrengung gut zu meistern ist.

Ich habe noch nie eine Kalorie getroffen, die ich nicht gemocht hätte

So beschließen wir, die dreitägige Survival-Tour schon nach zwei Tagen abzubrechen. Wir sind richtig nass geworden, haben gefroren, gehungert und in 48 Stunden ca. 3.000 Höhenmeter zurückgelegt, bei etwa 14 Stunden Wanderung. Meine Füße tun weh, sind aber dank guter Schuhe in recht ordentlichem Zustand. Wir gönnen uns ein Stück Käsekuchen und einen Latte Macchiato und freuen uns, wieder in der Zivilisation zu sein.

Meine Frau muss ich enttäuschen – ich bin nicht kuriert … es fängt gerade erst an!

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