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Wenn Man Sich So Richtig Wohl Fühlt In Der Eigenen Haut – Und Was Wolle Damit Zu Tun Hat

Wenn man sich so richtig wohl fühlt in der eigenen Haut – und was Wolle damit zu tun hat

Auf der Fahrt zum Treffen mit Waltraud Schwienbacher spielen die schneeverschneiten Dreitausender hinter Kurven und dichten Waldrücken verstecken. Links fällt der Hang tief ins Tal hinunter, während die Straße stetig höher klettert. In St. Walburg am Ende des Dorfes rechts hinauf liegt, hineingekuschelt in die erste Kehre, das Kräuterreich Wegleithof.
Frau Schwienbacher begrüßt mich herzlich und bittet mich in die gute Stube, eine echte, alte Stube. Das offene Lächeln, der feste Handschlag, die natürliche Haltung lassen keinen Zweifel offen: Diese Frau ist den Umgang mit Menschen gewohnt.

Sie ist Bäuerin, Mutter und Großmutter, „Kräuterweiblein“, langjährige Gemeindepolitikerin, Initiatorin des Vereins Lebenswertes Ulten, Begründerin der Ultner Winterschule, Präsidentin der Genossenschaft Bergauf, im gesamten deutschsprachigen Raum gefragte Referentin zum Thema Kräuter und Ernährung, Preisträgerin des Goldenen Verdienstkreuzes des Landes Tirol und der Auszeichnung Prize of Women’s Creativity in Rural Life 2006. Puuuh, das sind echt viele Titel und Aufgaben für ein „Kräuterweiblein“, wie sie sich gerne bezeichnet!
In unserer Begegnung erlebe ich sie vor allem als warmherzige und faszinierende Frau, die tatkräftig neue Wege beschreitet, um wirtschaftliche Bedürfnisse mit nachhaltigem Wirtschaften und effizientem Umweltschutz in Einklang zu bringen.

Mit Papier und Stift bereit, mir Stichworte aufzuschreiben, frage ich nach ihrer Person. Und schon beginnt sie zu erzählen. Sie erzählt so unterhaltsam und mitreißend, dass ich gar keine Fragen stellen muss. Auch so Fragen wie „Sie haben immer wieder neue Projekte in Angriff genommen: Hat das mit Ihrem Rufnamen Traudi zu tun?“, werden hinfällig, sobald sie meint, dass wohl der Name Waltraud sie immer wieder in den Wald geführt hat, Trau-di (was im gesprochenen Dialekt „getrau dich“ bedeutet) in den Wald hinein. Ja, der Wald ist ihr wohl der liebste Aufenthaltsort. Jeden Tag geht sie hinaus zu einem morgendlichen Spaziergang und sammelt die Zutaten für einen „grünen Saft“ (zu neudeutsch würde man wohl Smoothie sagen).

Hier das Rezept:

Eine kleine Hand voll Wildkräuter bringt sie von ihrem morgendlichen Spaziergang immer mit:

diesmal sind es Haselnusskätzchen, Erlenkätzchen, Schwarzbeerstängel mit Knospen und Zirbensprossen. Diese mit ¼ l Wasser mixen, mit 4 l Wasser aufgießen, nochmal gründlich mixen, abseihen.

Dieses grüne Getränk ist wundervoll für Herz und Nerven. Für eine Limonade noch Obst und Gemüse der Jahreszeit mit ¼ l Wasser zu einem Saft verarbeiten. Diesmal sind es 2 Äpfel, 2 Karotten, 2 getrocknete Feigen, 1 Zitrone (nur die gelbe Schale entfernen, die weiße ist sehr reich an Vitamin C) mixen, abseihen, 1 l des grünen Safts dazumischen, trinken.

Mmmh, das schmeckt so nach Wald und steckt voller Überraschungen für die Zunge!

Die abgeseihten Feststoffe wird Waltraud Schwienbacher mit gequellten Samen zu Crackers weiterverarbeiten.

Denn bei ihr gibt es keine Reste.

Gesundheit für alle und die Gier

„Gesund UND erschwinglich!“ Während Gesundheit für Waltraud Schwienbacher selbstverständlich ist, soll sie vor allem auch für alle erschwinglich sein. Es ist ihr ein großes Anliegen, bekannt zu machen, dass gesunde Nahrung und Gesundheit durch Nahrung für jedermann möglich sind. Auch, wer in der Stadt wohnt, kann sich beim wöchentlichen Spaziergang in der freien Natur seine Ration frische, wildgewachsene Gesundheit mit nach Hause nehmen. Denn entgegen der weit verbreiteten Meinung, braucht es dazu nicht viel. Auch nicht viel Wissen um Heilkräuter. Denn um für die eigene Gesundheit zu sorgen, reicht es schon, wenn man nur fünf bis zehn Heilkräuter kennen lernt. Zwei davon sind wirklich jedem bekannt: Brennessel und Löwenzahn! Dazu noch die Schafgarbe und zwei Nadelbäume wie Lärche und Wacholder – und schon ist ein Quintett komplett.

Der Gedanke, dass es viel Wissen braucht, entspringt der modernen Gier nach Mehr. Wobei deren Ursprung sehr einfach zu erklären ist: Täglich werden viele Bäuche mit Essen gefüllt, das wertlos ist, weil ihm die wirklich wichtigen Nährstoffe fehlen. Die Körperzellen erkennen den Mangel und melden dem Hirn Notstand. So entsteht diese Gier nach Mehr, nicht nur beim Essen, sondern bei allem, das in unserem Leben von Bedeutung ist.

Waltraud zitiert gerne Gandhi: „Wir haben genug für jedermann, aber wir haben zu wenig für jedermanns Gier.“ Diese Gier habe dann katastrophale Folgen für die ganze Welt, denn sie sei die Grundlage jeden Krieges. Dabei zeige uns die Natur immer wieder, wie wenig es braucht, um genug zu haben und reich zu sein: „Die Natur ist die reinste Intelligenz. Sie ist die höchste Hochschule, an der wir studieren können. Und wir werden reich!“

Die eigene Haut

Ganz allgemein ist Waltraud Schwienbacher nicht nur gern im Wald, sondern vor allem am liebsten im Ultental. Nach jedem Vortrag in Österreich oder in Deutschland freut sie sich sehr, wieder ins Tal hinein zu kommen. Hinein: das klingt schon wie nach Hause kommen. Für Traudi ist das mit Wasser, Wald und Bergen gesegnete Ultental ihre vierte Haut, es bietet alles, was sie braucht, damit es ihr hier gut geht. Moment, vierte Haut?

„Ja, die zweite Haut ist unsere Kleidung, die dritte unser Wohn- und unser Arbeitsplatz, und die vierte eben die Umwelt, die Umgebung, in der wir leben.“ Dementsprechend wichtig nimmt sie auch diese „Häute“. Je natürlicher sie sind, umso mehr entsprechen sie unserem Sein. Darüber hat sich Traudi viele Gedanken gemacht in ihrem Leben: und bei den Gedanken ist es nicht geblieben.

Die dritte Haut

Im Rahmen ihrer internationalen Zertifizierung als Permakultur-Expertin erarbeitete sie das Projekt „Der Wald, die heilende Schatzkammer unserer Heimat“. Wie bei allem, was sie tut, befragte sie die Menschen aus ihrer Umgebung. In diesem Fall ging sie zu den Förstern und brachte in Erfahrung, dass im Ultental in nur 1 Sekunde 1 Würfel Holz von 10 cm Kantenlänge wächst – das ergibt in 24 Stunden die Holzmenge, die es für ein Ultner Holzhaus braucht.

Mit den Zimmerern hat sie geklärt, wie ein Holzhaus beschaffen sein muss, um ein Klimahaus A ohne synthetische Dämmstoffe zu sein. Bei den Maurern informierte sie sich über die Einsatzmöglichkeiten von Stein und Lehm, schließlich ist das Ultental „steinreich“. Tischler befragte sie zur Herstellung der Möbel, weil diese ebenfalls aus Holz sein sollten. Vorhänge, Dekostoffe und Matratzen seien am besten aus Wolle, so wie sie in der Ultner Manufaktur Bergauf hergestellt werden.

Das ist Waltraud Schwienbacher! Sie sieht eine Aufgabe, macht sich Gedanken dazu, findet eine Idee und schon sucht sie nach Wegen, um das umzusetzen, was ihr am Herzen liegt: den Reichtum zu nutzen, den die Natur vor der Haustür bietet, und achtsam damit umzugehen. Es sind die Grundprinzipien, die im nachhaltigen Wirtschaften, in regionalen Wirtschaftskreisläufen und in der Permakultur zum Ausdruck kommen. Waltraud Schwienbacher hat dabei keinerlei Scheuklappen auf, sondern nimmt mit, was alte Traditionen und neue Technik Sinnvolles bieten können. Auf diese Weise ist ein Projekt für ein Haus entstanden, das dem Anspruch nach 0 km entspricht: Alle Rohstoffe entstammen der Region und alle Arbeiten werden vor Ort ausgeführt.

Die erste große Liebe

Wo hat so viel Leidenschaft und Einsatz ihren Anfang genommen? Ihre Mutter, die eine sehr bescheidene Frau gewesen sei, habe ihr viel Liebe für die Natur vermittelt. Schon mit 12 Jahren hat Waltraud Schwienbacher mit ihrem ersten Geld ein Schaf gekauft. Seitdem war Wolle für sie immer wertvoll. Umso größer war ihr Entsetzen, als sie von den Ultner Schafzüchtern erfahren musste, dass sich das Lammfleisch zwar gut verkaufen lies, die Wolle aber im Müll landete. Darauf gründete Waltraud vor 27 Jahren den Verein Lebenswertes Ulten, dem zwei Jahre später die Ultner Winterschule folgte. Schließlich entstand die Marke und Genossenschaft Bergauf, durch die Schafwolle verarbeitet wird. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Wellnessanwendungen, Filzartikel für alles und jeden, liebevoll mit Naturmaterialien in Farbe und von Hand in Form gebracht. Reste gibt es hier keine. Alles, wirklich alles, wird verarbeitet. Und „Reste“ gibt es auch in der Gesellschaft keine, findet Waltraud und macht sich dafür stark, dass auch benachteiligte Menschen bei Bergauf ein Tätigkeitsfeld finden können.

Die zweite Haut … und was sie alles kann

Wolle und Seide sind die idealen Fasern für unsere Kleidung, sagt Waltraud Schwienbacher. Sie bestehen aus tierischen Proteinen, die unserer eigenen Haut von ihrem Aufbau her am ähnlichsten sind. Die Wolle hat wunderbare Eigenschaften, schwärmt sie. Wer sich viel mit Wolle umgibt, ist ruhig und ausgeglichen, viel kommunikativer. Daher kommt wohl Waltraud Schwienbachers Kommunikations- und Erzähltalent!
Sie zeigt mir ihr „Gewand“ aus dünnem Stoff, 70% Wolle und 30% Seide. Es fühlt sich weich und anschmiegsam in der Hand an, ideal für Winter und Sommer, denn die Wolle ist wie eine Klimaanlage, gleicht Wärme und Kälte aus. Keiner wisse das besser als die Beduinen in der Wüste, die mit bis zu 50 ° Temperaturschwankungen fertig werden müssen.

Wolle hat auch die wundervolle Eigenschaft, die vom Körper ausgeschiedenen Giftstoffe an die Luft abzugeben und somit die Haut in ihrer Funktion als Ausscheidungsorgan zu unterstützen. Das können die viel gepriesenen technischen Stoffe nicht. Wolle muss dank dieser Eigenschaft auch weniger oft gewaschen werden, häufig reicht es, Kleidung und Decken aus Wolle gut zu lüften. Gut heißt 2 Stunden. Dann ist Wolle wieder wie frisch. Das ist sogar mikrobiologisch nachgewiesen. „Deshalb arbeiten wir auch an einer Sportkollektion aus Wolle. Sie kommt im Sommer auf den Markt“, freut sich Waltraud Schwienbacher.
Ihr aktuelles Projekt ist ein Schuh aus Filz mit einer Sohle aus Rinde und Harzen. Jene Sneaker, die ich bei Bergauf im Laden sehe, haben eine Sohle aus Zuckerrohr. Für Waltraud sind sie nur ein Schritt auf ihrem Weg zum Winterstiefel made im Ultental. Sie hatte mal Filzstiefel, damit gab es für sie keine kalten Füße. Und da sie diese nicht mehr nachkaufen konnte, macht sie jetzt selber welche. So einfach ist das für Waltraud Schwienbacher.

Und so einfach könnte es auch für mich werden, eines Tages, vielleicht, hoffentlich.

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