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Werken In Der Stadt Oder Die Werkstatt Der Ideen

Werken in der Stadt oder die Werkstatt der Ideen

Ich schlendere an schrillen Graffitis vorbei und an Hausfassaden vorüber, aus deren Fenstern weiße Wäsche flattert.
Der Duft von Soffritto weht aus Küchen zu mir herab. Mittagszeit.
In Bozen spürt man sofort, wenn ein Viertel italienischer wird.

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Das Tor zum Innenhof steht offen. Staub tanzt sich die spätnovemberlich schräg einfallenden Sonnensäulen empor. Sägensurren und der Geruch von frisch Gestrichenem empfangen mich. Durch alte Türen und matte Fenster dringt Bon Ivers „For Emma“ und das Licht einer dicken Glühbirne. An der Hausmauer lehnen zwei Fahrräder und ein Stapel Kartons mit der Aufschrift des Labels, auf das ich neugierig geworden bin. RuralUrban. Ich steh‘ nun mal auf handgemacht Echtes, auf Accessoires und Möbel, die Individualität und Charisma ins alltägliche Wohn-Sein bringen. Als ich dann hörte, dass die Werkstatt der Jungs, deren Werke meine Küche peppen und mich im Schlafzimmer allabendlich in Zirmduft gehüllt schlafen lassen, mitten in Bozen liegt, habe ich um ein Treffen gebeten. Diese Werkstatt muss ich sehen!

RuralUrban

Ich werfe ein vorsichtiges „Hallo“ in einen Raum voller riesiger Maschinen und bekomme gleich drei zurück. Eines davon auf italienisch. Ciao. Drei mal staubige Gesichter, drei mal Bart. Auf die Vorstellungsrunde folgt ein Vorschlag: „Andiamo a mangiare?“. Klar. Mittagszeit.

Wienerschnitzel all’italiana

Es ist ungewöhnlich warm für diese Jahreszeit. Wir sitzen unter einem Kastanienbaum, dessen Blätter Sonnenmuster auf unseren Tisch malen. Zwischen Italienisch und Deutsch wechselt man ebenso flott, wie zwischen einem Bissen Wienerschnitzel und dem Vino alla Spina. Man unterhält sich angeregt über die Eröffnungsfeier der neuen Werkstatt, die erst vor wenigen Wochen stattfand und die ein voller Erfolg war.

Tischler, Künstler oder doch Designer?

„Wenn mich jemand fragt, was ich von Beruf bin, zähle ich meistens einfach all das auf, was ich nicht bin.“ Alexander lehnt sich zurück und dreht sich seine Zigarette. „Ich bin kein Tischler. Auch kein Künstler oder Holzschnitzer. Designer trifft es auch nicht so ganz. Man müsste wohl ein neues Wort erfinden, um uns zu beschreiben.“

David, Fabiano und Alexander erdenken, entwerfen, erbauen und verkaufen wunderbare Möbelstücke mit dem unverkennbaren RuralUrban-Charakter: hochwertiges Massivholz wird unter ihren Händen und Maschinen zu charismatischen, puristischen Designerstücken mit einem Hauch Retro-Charme. Bauernmöbel im City-Style. Der „Hocker Motz“, das Schallplattenregal „Vinylla“, „Barry“, das Schaukelpferd, oder die Brotkiste „Krumel“ sind echte Hingucker. „Langlebig müssen die Stücke sein. Das geht nur mit richtig gutem Holz und richtig guter Arbeit.“

Hocker Motz

Alexander, Sohn eines Grödner Holzschnitzers, erinnert sich daran, mit dem Duft von frisch Geschnitztem aufgewachsen zu sein. „Doch in die Fußstapfen meines Vaters bin ich wohl nur zum Teil getreten. Er war ein Holzschnitzer, ein Künstler. Ich habe es immer bevorzugt, Stücke zu bauen, die Zweck und Ästhetik verbinden.“ „Womit wir bei der eigentlichen Definition von Design wären.“ David lacht und nippt vom Espresso. „Unsere Kompetenzen verbinden sich perfekt. Fabiano, eigentlich Bildhauer. Ich, eigentlich Bühnenbildner. Und Alexander, …“, David bohrt dem Kompagnon mit dem Finger in die Seite, „… eigentlich Sunnyboy.“
Spätnovembersonnenlachen. Man prostet sich zu.
So ganz unrecht scheint David damit nicht zu haben. Wer würde dem 26-jährigen Blondschopf – die Augen im selben Blau wie sein ausgebleichter Bauernschurz – mit der ruhigen Stimme so viel Ehrgeiz und Geschäftssinn zumuten.

Nackte Frauen und klassische Musik

Das Stichwort. Die Werkstatt wollte ich auf jeden Fall noch besichtigen. Duftende, schwere Bretter lehnen – geduldig auf ihren großen Augenblick wartend – an der Wand. Überall Farben, Flakons, Flaschen mit Leim und Lösungen.

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An der Wand hängen unzählige Werkzeuge, sorgfältig sortiert – eigentlich das einzige, das hier in den vier zusammenhängenden Räumen aufgeräumt wirkt. „Kreativ-Chaos halt.“ Alexander führt mich herum. David lackiert, Fabiano schleift. Hier ein fast fertiger, wunderschöner Schrank, dort eine ganze Serie der Hocker namens „Motz“, die auf ihren neuen Besitzer warten. „Die Hocker wurden bereits über Monoqi, den Design-Webstore, verkauft. Unser größter Erfolg bisher, neben der Design.ve – „Design walks through Venice“ –, die während der Architekturbiennale in Venedig stattfand und bei der RuralUrban dieses Jahr vertreten sein durfte.“ Die Kaffe-Ecke. Die Bierkiste. Die Postkarte mit der dürftig bekleideten Dame darauf. „Das ist schließlich eine Männer-Werkstatt.“ Doch Spotify spielt klassische Musik, statt hartem Männersound.

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Wo Inspiration wie ein Funke überspringt

„All die anderen Räume und Büros rund um den Innenhof stehen noch leer“, beendet Alexander den Rundgang. Die Betonung lag auf dem „noch“. Ein weiteres Projekt ist nämlich geplant: RU.17 – mit der Eröffnungsfeier der Werkstatt wurde gleich der gesamte Komplex getauft. Ideen-Räume sollen hier entstehen, „mit dem Zweck, verschiedene Gestaltungsdisziplinen zu vereinen“. Freidenker, Neudenker, Kunstdenker, Kreativdenker sollen hier Werkstätten, Räume, Büros finden. RU.17 soll ein Treffpunkt werden. Ein Ort, für die kreative Szene der Stadt. „Es geht uns darum, ähnlich Gesinnten Raum zur Verwirklichung zu bieten.“

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Ich schieße noch ein paar Bilder von denkenden Händen, wippenden Bärten und schaffenden Geistern. Das Kreativ-Chaos inspiriert mich. Ich würde am liebsten sofort hier bleiben. In der Männer-Werkstatt. Und hier, im RU.17, meine Ideen zu digitalem Papier bringen.

Und das tu ich dann auch.
Voilà.

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